Chevrolet in Deutschland entwickelt sich zu einer interessanten Marke, wenngleich die originalen Ami-Modelle gerade rar erscheinen. Doch die Zeiten werden garantiert wieder anders, schließlich ist der Camaro bereits in Sichtweite. Im folgenden Special geht es um den HHR, dem hierzulande offiziell indes nur eine kurze Episode gegönnt war. Außerdem behandelt es den im Mittelklasse-Segment grabenden Cruze – nach dem Spark der jüngste Markenspross.
it Chevrolet ist das so eine Sache. Der Markenname weckt Erinnerungen an große amerikanische Straßenkreuzer, ist Kindertraum und selbst für Erwachsene nicht so einfach zu realisieren – völlig abgesehen von finanziellen Belangen. Denn Chevrolet in Deutschland hat ein etwas anderes Gesicht: Die Autos sind in Ordnung, aber entsprechen vielleicht nicht unbedingt dem typischen Klischee. Denn waschechte Markenanhänger sucht man hierzulande vergebens. Wo Chevrolet draufsteht, ist nämlich meist Daewoo drin – 2005 entschied sich GM (Eigner von Daewoo), die gesamte koreanische Modellpalette umzuflaggen und künftig als Chevrolet anzubieten. Aus amerikanischer Sicht ein Treppenwitz, aus europäischer oder deutscher Perspektive ein äußerst kluger Schachzug. Während der Kenner schmunzelt, greifen jene Autofans zu, für die der Markenname ein Stück Amerika bedeutet. Chevrolet in Deutschland wächst jedenfalls. Übrigens: Während der koreanische Aveo auch in den Staaten als Chevrolet angeboten wird, kann die hiesige Division sich einen Funken Amerikanismus nicht verkneifen. Im Jahre 2007 stellte der Importeur den HHR vor – ein zunächst in Mexiko gebautes Mitglied der US-Palette.
Inzwischen schied das Retromobil allerdings unverhofft wieder aus dem Programm – frei nach dem Motto "spät gekommen und früh wieder gegangen" sichert sich der HHR ganz bestimmt einen guten Listenplatz im Fanauto-Ranking. Um Missverständnissen vorzubeugen: In den Staaten ist der HHR weiter Bestandteil der Palette. Wer ihn also neu beziehen will, muss sich dort umschauen, kleinere Spezial-Importeure bemühen oder die Lagerbestände beziehungsweise jene der Gebrauchtwagenbörsen plündern. Und die Angebote lohnen sich, schließlich gibt es für wenig Geld eine geballte Ladung Automobilität mit Hingucker-Faktor sowie viel praktischem Nutzen. Böse Zungen vergleichen den Allrounder ja mit dem inzwischen ebenfalls ausgeschiedenen Chrysler PT Cruiser (Deutschland), wobei dieser zwar ähnlich retro, allerdings nicht ganz so ausladend unter die Augen seiner Betrachter rollt. Mit knappen 4,5 Längenmetern tummelt sich der Chevy im unteren Rahmen des Mittelklasse-Segments und wird mithin jenen Käufern gerecht, die ab und zu einer anspruchsvolleren (Fahr-)Aufgabe nachgehen als ein paar Lebensmittel im nächstgelegenen Supermarkt einzukaufen. Längere Strecken macht der Ami wie aus dem Ärmel geschüttelt, bietet er doch brauchbares Gestühl und einen ordentlichen 2,4-Liter-Vierzylinder.
Das klingt jetzt aber so gar nicht amerikanisch; immerhin reichen 170 PS für den alltäglichen Bedarf. Und wem die Trinksitten des gering belasteten Sechzehnventilers nicht gefallen, sollte sich nach einer LPG-Version umschauen – darin besteht schließlich die Spezialität des deutschen Importeurs. Dann darf der Gasfuß auch gerne etwas schwerer sein, ohne das Portemonnaie gleich leerzusaugen. Angesichts derzeit rund 60 bis 70 Cent pro Liter Autogas kann man den HHR ruhig schlürfen lassen aus dem zweiten Tank. Dabei ist er kein wirklicher Säufer, sondern kommt bei gemäßigter Fahrweise locker mit einstelligen Literwerten pro 100 km über die Runden. Europäische HHR-Versionen tragen lediglich eine einzige Sorte Triebwerk in sich, das seine Power entweder an ein Fünfganggetriebe oder eine Wandlerautomatik mit vier Stufen weitergibt. Richtig rasant geht es im Chevy-Retro zwar nicht zu, aber die Variante mit Schaltung absolviert den Standard-Sprint binnen neun Sekunden, was einer moderat druckvollen Beschleunigung entspricht. Erst in höheren Temporegionen werden Geschwindigkeitszuwächse zäher, weil der Wind doch kräftig zerrt am zerklüfteten und recht hohen HHR-Aufbau.
Da hilft wohl nur die Spaßvariante aus den USA: Weniger Hubraum (0,4 Liter), aber mit Turbolader versehen und gut für satte 260 PS stürmt der HHR mit der fragwürdigen Zusatzbezeichnung "SS" rasant nach vorn und dürfte die Pneus bei vollem Gaseinsatz selbst auf trockenem Asphalt glatt überfordern. Runde 15 Sekunden genügen für 160 km/h – mit dieser Performance bekommt ein imaginärer Golf GTI den hochbauenden Retro-Chevy nicht abgeschüttelt. Außerdem versprüht die scharfe HHR-Variante den Charme des Exoten, schließlich taucht er in hiesigen Fahrzeugbörsen selten auf, ist aber keinesfalls unauffindbar – manchmal verirrt sich das eine oder andere Exemplar durchaus hierher – für den Insider ist er SS ein willkommener Geheimtipp. Wer weniger wählerisch ist, findet gute, zum Teil sogar neuwertige Exemplare bereits für moderate fünfstellige Beträge. Nennenswerte Sonderausstattungen konnten seinerzeit ohnehin nicht bestellt werden – einmal abgesehen vom automatischen Getriebe, einer Metallic-Lackierung sowie Schiebedach. Für Deutschland schnürte das Chevrolet-Tochterunternehmen in Rüsselsheim ein attraktives Paket mit reichhaltiger Ausstattung.
Serienmäßig sind Antiblockiersystem, Front- und Seitenairbags, elektrisch einstellbare Außenspiegel, Bordcomputer, Dachreling, elektrische Fensterheber rundherum, automatisch abblendender Innenspiegel, Klimaanlage, Lederpolster, Leichtmetallräder, Radio mit CD-Player, elektrisch verstellbarer Fahrersitz, Sitzheizung, Soundsystem, elektronisches Stabilitätsprogramm, Tempomat sowie Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung. Genügend Cupholder sowie Ablagen inklusive zweier Handschuhfächer. Wer die Sitze umklappt und den Ami bis unters Dach vollpackt, kann 1.550 Liter Ladegut mitnehmen – so sieht Variabilität aus, wenngleich die Zuladung mit 363 kg etwas üppiger ausfallen könnte. Aber man kann eben nicht alles haben. Wie zum Beispiel echte Ami-Chevrolets im Deutschland-Gebot? Keine Sorge, da ist Abhilfe schon angekündigt. Anfang März verkündete die Länderdivision, dass der Camaro im Frühjahr 2011 zu den hiesigen Händlern rollen wird. Und bis dahin muss im Zusammenhang mit dem klangvollen Markennamen eben noch über Brot-und Butter-Autos gesprochen werden. Beispielsweise über den schick gezeichneten Cruze; dabei handelt es sich um das erste neue Modell, das in Europa nicht als Daewoo auf den Markt trat.