 |
 |
Bulliger
Stoßfänger mit großen Lüftungsöffnungen
macht dem Vordermann klar, wer den Ton angibt |
|
|
 |
|
Turbo-Lenz
Ein nicht
enden wollendes Powerplay in allen automobilen Kategorien
lässt die Stuttgarter Sportikone mit der altbekannten
Kennziffer 911 sogar in der potenten Turbo-Variante
fast schon ein bisschen alt aussehen, jedenfalls betrifft
das die Nennleistung. Doch selbst ein eng besetzter Markt
vermag den mit 420 Pferdestärken keineswegs schwachbrüstigen
Elfer nicht aus der Ruhe zu bringen.
Die Zeiten werden härter
auch für Sportwagenkönige. Was gestern noch
zu den Superlativen gehörte, ist heute bereits verblasst.
Anfang dieses jungen Jahrtausends war die Welt noch in Ordnung;
bei etwas mehr als 400 PS nämlich war die Grenze des
Sinnvollen ohnehin lange durchbrochen, aber nach mehr Überfluss
schien zunächst kein Verlangen.
Doch als Mercedes mit dem S 600 eine neue Hunderter-Gruppe
anbrach, war nichts mehr wie früher. Der fünfhundert
PS Mörder Biturbo-V12 hielt später auch im SL Einzug,
und mit dem SL 55 AMG stellte man der flüsterleisen Zwölfzylinder-Version
auch noch eine kreischende, exakt ebenso starke Athleten-Ausführung
zur Seite.
Knallhartes Leistungs-Wettrüsten wich ab sofort einer
bis dato stabilen Auto-Werteordnung.
Eine Preisebene höher manifestiert sich das in Produkten
wie Enzo Ferrari, Mercedes SLR oder Lamborghini Murcielago.
Geschlafen haben die Zuffenhausener mitnichten kein
geringerer als der 612 PS starke Carrera GT tritt in diesem
Segment gegen die Riege der Supersportler an.
 |
 |
| |
...nobles Interieur,
anstrengender Arbeits-
Platz |
|
 |
|
Allerdings ist und bleibt es auch weit
darunter spannend und kein Ende naht. Sie heißen
CL 65 AMG, Lamborghini Gallardo, werden auf Namen wie BMW
M5 sowie Audi S8 hören, leisten alle mindestens 500,
manche sogar mehr als 600 PS. Zuffenhausen meldet zunächst
weiterhin 420 Pferdestärken für den aufgeladenen
Elfer. Wem das nicht reichen sollte, darf zur 450 PS starken
Version mit Leistungskit greifen, doch hier und jetzt belassen
wir es bei der Basis. Und die hat es in sich. Um das herauszufinden,
bedarf es jedoch einer gewissen Mühe, so unspektakulär
scheint dieser Porsche auf den ersten Blick. Kein einziger
Hauch von Aggressivität haftet dem Interieur an, und
äußerlich zeigen allein der kleine Spoiler auf
dem Heckdeckel wie etwas fülligere Stoßfänger
dem Kenner, dass unter der Haube ein krafteinflößender
Lader werkelt. Sportwagen nach deutscher Art sind eben in
erster Linie nüchtern. Das verschachtelte Instrumentarium
kennt man ja bereits seit einigen Jahren aus der Baureihe
996, den großen, mittig platzierten Drehzahlmesser sogar
noch viel länger. Ein großer Bildschirm für
das Navigationssystem fungiert als Beweis dafür, dass
die Stuttgarter auch mit ihrem Klassiker in der Moderne angekommen
sind. Lederbezogenes Gestühl guter Ausprägung hält
die Fahrgäste auch bei größerer Querbeschleunigung
in Position. Richtig unbequem sitzt man hier gar nicht, aber
es riecht doch irgendwie nach Arbeitsplatz.
Ein kurzer Schlüsseldreh entlockt
dem Boxer unruhiges, aber braves Leerlauf-Grummeln; das Triebwerk
wartet förmlich auf Drosselklappen-Öffnung. Wo bleibt
der Sturm? Etwas zögerlich geht das Coupe zunächst
aus der Standposition; der Wandler des aufpreispflichtigen
Automatikgetriebes meint es gut und verhindert dank weicher
Auslegung zu starkes Kopfnicken unbedarfter Passagiere. Aber
in Blitzesschnelle ist Schluss mit der Schonphase und aus
der kurzen Schwerfälligkeit wird eine eindrucksvolle
Vertikalbeschleunigung, nach deren Erleben die Wenigsten mehr
Leistung fordern werden. Praktisch dabei: Der Allradler kennt
kaum Traktionsprobleme. Kurven nimmt er unter gezieltem Gaseinsatz
lange neutral im Grenzbereich kommt hingegen etwas
Unruhe ins Heck; das wirkungsvolle Stabilitätsprogramm
korrigiert Gierbewegungen glücklicherweise recht spät,
um den Spaß an der forcierten Fortbewegung nicht im
Keim zu ersticken. Dabei ist dieser 911 kein tückisches
Auto, das schlecht beherrschbar wäre. Auch kann man ihm
mangelnde Alltagstauglichkeit kaum vorwerfen. Unter durchschnittlichen
Fahrbedingungen benimmt er sich lammfromm und lässt sich
auch mal gemütlich über die großstädtische
Flaniermeile dirigieren sogar diesseits von 3.000 Umdrehungen
pro Minute, ohne jegliches Ruckeln und Leistungsloch, was
zwei Jahrzehnte früher permanente Begleiterscheinungen
aufgeladener Aggregate waren.
Üppig dimensionierte Bremsscheiben
in gelochter Ausführung bringen den Turbo, der auf freier
Bahn immerhin die magische 300 km/h-Schwelle durchbricht,
rasch wieder auf zivile Tempi. Ein exakt definierter Pedal-Druckpunkt
kommt einer angemessenen Verzögerung ebenfalls entgegen.
Abgesehen von der Tatsache, dass in diesem Fall der Automat
die Schaltarbeit verrichtet, besteht kein Zweifel: Es gibt
kaum reinrassigere Sportwagen als der von Liebhabern
sogenannte einzig wahre Porsche. Da sind Kompromisse
an der Tagesordnung. Fans nehmen gerne in Kauf, besser über
das Strassenprofil informiert zu sein als die meisten Verkehrsteilnehmer,
und der 3,6-Liter brüllt in suchterzeugenden Frequenzen,
während der Zeiger jenes großen, berühmten
Drehzahlmessers über das Zifferblatt eilt.
Und dafür scheint kein Preis zu hoch, denn mit 128.676
Euro ist der Turbo kein billiges Objekt. Dafür kommt
er nicht mehr nackt wie einst daher: Vier Airbags, Antiblockiersystem
und elektronisches Stabilitätsprogramm gehören hier
zum Serienumfang. Ferner sind auch viele kleine Dinge des
Autofahrerlebens anwesend. Namentlich sind es Alarmanlage,
ein großer Bordcomputer, der beispielsweise den Ölstand
weiß, aber auch Auskunft über Ladedruck, Durchschnittsverbrauch
und dergleichen gibt. Selbstverständlich können
beide Außenspiegel elektrisch eingestellt und beheizt
werden. Außerdem blenden sie genau wie der Innenspiegel
automatisch ab. Diskutiert wird auch nicht über elektrische
Fensterheber oder Zentralverriegelung mit Fernbedienung.
 |
 |
| |
...der große Spoiler
ist
auf freier Wildbahn nur
schwer zu erhaschen
|
|
 |
|
Die größeren Annehmlichkeiten
heißen elektrisch verstellbare und lederbezogene Memorysitze,
Klimaautomatik und Doppel-Xenonlicht. Seit Sommer dieses Jahres
gehört sogar das große Navigationssystem inklusive
Farbbildschirm, Radioanlage mit CD-Spieler und Bose-Soundsystem
zur Basis. Weitere 2.871 Euro verschlingt das fünfstufige
Automatikgetriebe. Obwohl in diesem Auto niemals der Wunsch
nach mehr Funktionen aufkommen wird, besteht die Möglichkeit,
noch etliche Tausender draufzulegen. Ganze 7.830 Euro verschlingt
jene noch leistungsfähigere Keramik-Bremsanlage, deren
gelbe Sättel zweifellos optische Leckerbissen sind. Und
wenn man schon in die Vollen greift, darf die 12.748 teure
Leistungssteigerung ruhig noch mitgenommen werden. Veränderte
Steuergeräte sowie Lader samt Kühlung bewirken immerhin
fünfzig zusätzliche Pferdchen.
Weitere Investitionen dienen hauptsächlich der Verschönerung
von Ex- und Interieur wie zum Beispiel exklusivere
Ledersorten in erweitertem Umfang. Eine ganze Reihe verschiedener
Alufelgen sowie die stattliche Auswahl an verschönernden
Accessoires können ebenso vierstellige Beträge einfordern.
Unter diesen Umständen stört es wenig, dass der
potente Elfer bei entsprechendem Gasfuß auch mal 20
Liter Super Plus durch die Brennräume jagt. Und auch
Öl muss bei strammer Fahrweise schon vor dem fälligen
Wartungsintervall nachgefüllt werden. Allein bei den
Mitnahmekapazitäten regiert der Sparfuchs: 64 Liter Tankvolumen
garantieren häufigen Kontakt mit dem Tankwart, und einhundert
Liter Kofferraum-Fassungsvermögen erlauben keine wirklich
langen Reisen. Doch all das tut dem Coupe nicht den geringsten
Abbruch, denn was können schon praktische Eigenschaften
gegen jene Emotionen ausrichten, die Schwabens berühmteste
Sportwagenlegende auslöst?
Fazit:
Der Turbo ist das I-Tüpfelchen der lebenden Legende 911.
Auch wenn die nominelle Leistung nicht mehr Superlativen entspricht,
verliert er keinen Deut an Attraktivität. Seine Performance
gehört weiterhin zur Spitze, und die Fangemeinde ist
gewaltig. Einziger Wermutstropfen: Die hohen Kosten für
Anschaffung wie Unterhalt.
|