Die vierte Astra-Generation kommt weniger auffällig daher als das Vorgängermodell. Sie war geboren in einer für den Konzern turbulenten Zeit – als feines Allround-Angebot mit exzellentem Fahrkomfort allerdings empfiehlt sie sich als ansprechende Alternative in der unteren Mittelklasse. Autotipp.
ls der dritte Astra im Jahre 2004 auf den Markt kam, war das eine kleine Sensation. Denn im Vergleich zum eher unauffälligen Vorgänger "G" war dieser ein echter Hingucker mit dynamischer Formensprache, mit knackig-frechem Auftritt. Und nun? Der aktuelle Astra rollt gefällig aus dem Schauraum, viel milder im Gestalter-Tonfall indessen als das abgelöste Modell, zweifelsohne aber modern und zeitgemäß. Passt dieser Stil vielleicht besser zur Klientel? Wer das verneint, darf aufatmen: Denn nächstes Jahr wird ja auch schon die GTC-Version nachgeliefert – an Spannung mangelt es im Konzern also wahrlich nicht. Zurück zum konventionellen Schrägheck-Pendant, das einen optisch soliden Eindruck hinterlässt. Das Geheimnis liegt in der hohen Gürtellinie mit der markanten Sicke oberhalb der Türgriffe. Dadurch entsteht ein leichtes Plateau; vorn macht der Astra mit konturierter Motorhaube und speziellem Licht-Layout aufmerksam – jawohl, man ist im 21. Jahrhundert angekommen. Das breite Heck erzeugt zusammen mit der abfallenden Dachlinie ein gewisses athletisches Flair. So wird aus dem bei flüchtigem Hinsehen konservativ erscheinenden Kompaktklässler ein interessantes Design-Objekt mit Attraktivitätsfaktor. So etwas nennt man wohl Liebe auf den zweiten Blick.
Und das Innenleben? Hier wird der Einfluss des großen Bruders Insignia deutlich – es handelt sich wohl um Opels neue Interieur-Linie. Wuchtige Architektur lässt im Alltag rasch vergessen, dass man im Segment der unteren Mittelklasse unterwegs ist – besonders auf der linken Seite kommt Kanzel-Gefühl hinter dem Volant auf, dem um die Ecken herumgezogenen Armaturenbrett sei gedankt. Von dort aus fällt der Blick auf schnörkellose Rundinstrumente, deren Skalen in tiefen Höhlen kauern (so sieht nur der Fahrer, wie schnell man unterwegs ist); dagegen nehmen auch die übrigen Insassen Notiz von der reichhaltigen Knöpfchenpalette im Zentrum der Mittelkonsole. Hier versammeln sich die Taster für Lüftung, Radio und sämtliche elektronische Gimmicks. Erfreulich: Es gibt Stationstasten, so dass einfaches Senderwechseln nicht immer zeitraubende Eingriffe in die Menüstrukturen erfordert. Ganz ohne Menü geht es heute indessen nicht mehr, zu komplex ist der Funktionsumfang moderner Autos. Beim Astra darf man die Betriebsanleitung aber getrost im Handschuhfach lassen, denn nach etwas Eingewöhnung weiß man die Tippschalter treffsicher einzuordnen. Die Materialien wirken übrigens ordentlich verarbeitet, der mit nahezu 4,42 Längenmetern erwachsene Fronttriebler wirkt demnach qualitativ gelungen.
In puncto Platzangebot gibt der Rüsselsheimer den sauber sitzenden Maßanzug, was aber keineswegs bedeutet, dass es beengt zugeht: Insbesondere die vorderen Passagiere sitzen umgeben von breiten Raumkulissen, was ein wohliges Gefühl von Abschottung nach außen erzeugt. Der Fond offeriert genügend Bein- und Kopffreiheit; allein besonders große Personen könnten mit ihren Knien die Vordersitzlehnen berühren. Insgesamt stehen die Zeichen hier auf Komfort. Das Fahrwerk setzt diesen Auftrag konsequent um und entsorgt Bodenwellen wie Fugen ungewöhnlich wirkungsvoll. Selbst hartnäckige Querverwerfungen, an denen sich sogar manche Businessklassen die Zähne ausbeißen, bügelt der Hesse ohne Wimpernzucken glatt. Ein bisschen Variabilität bringt die adaptive Abstimmung (980 Euro Aufpreis) – per Tastenbefehl lassen sich definierte Grundcharakteristika einstellen, allerdings ist von den Unterschiedlichen Dämpferkennlinien in der Praxis wenig zu spüren. Dafür ist das System mit sämtlichen elektronischen Fahrhilfen vernetzt – gut für das Sicherheitskapitel. Bleibt noch zu klären, was das Motorenprogramm so hergibt. Es musst nicht immer Diesel sein, gehören doch nicht alle Kunden zur Vielfahrer-Gruppe.
Turbo ist aber trotzdem fein, und kleiner Hubraum entspricht dem Downsizing-Gedanken – also nichts wie rein in den 1,6er mit Aufladung und immerhin drahtigen 180 Pferdchen. So wild wie vielleicht gedacht, benimmt sich der kultiviert laufende Vierzylinder indessen gar nicht. Der Otto braucht Drehzahlen, um richtig wach zu werden. Aber selbst dann präsentiert sich das Beschleunigungsgefühl nicht sonderlich ungestüm – der Blick auf die emporgleitende Tachonadel bekundet allerdings Vorwärtsdrang. Die vom Werk versprochenen 220 Sachen erreicht der Kompakte im Handumdrehen und läuft dabei stabil geradeaus. Turboloch? Gibt es naturgemäß auch, ist allerdings von der milden Sorte, der Benziner gibt seine Leistung relativ homogen ab. Außerdem bleibt die Fuhre bis in hohe Geschwindigkeitsbereiche angenehm leise – Unterhaltungen in Zimmerlautstärke sind daher kein Thema. Derartige Eigenschaften machen den Opel, der zu den wirtschaftlich wichtigsten im Portfolio gehört, außerordentlich allroundfähig. Um so spannender, wie tief man für den Astra nun in die Tasche greifen muss. Fest steht: Unterhalb der 15.000 Euro-Schwelle geht in dieser Kategorie nicht mehr viel.
Exakt 15.900 Euro kostet die 87 PS starke 1,4-Liter-Version. Gar 22.400 Euro werden für den hier behandelten 180 PS-Vertreter aufgerufen. Dann rollt er in der Edition-Version an, die in Sachen Ausstattung mitnichten ärmlich ausfällt: Antiblockiersystem, Kopf-, Front- und Seitenairbag, elektrisch verstell- und beheizbare Außenspiegel, elektrische Fensterheber vorne, Klimaanlage, Radio, elektronisches Stabilitätsprogramm sowie Zentralverriegelung inklusive Funkfernbedienung sind obligatorisch. Weitere 1.940 Euro (Sport) bescheren dem Interessenten Bordcomputer, edlere Dekorleisten, Klimatisierungsautomatik, Leichtmetallräder, ein besseres Radio und Tempomat. Wer noch einmal 710 Euro in die Hand nimmt, bekommt einen automatisch abblendenden Innenspiegel, Regensensor sowie adaptive Bixenon-Scheinwerfer mit automatischer Lichtverteilung. Raum für weitere Individualisierungsmaßnahmen bleibt freilich – interessant ist die 525 Euro teure Frontkamera mit Spurhalteassistent und Verkehrszeichenerkennung. Schon ab 900 Euro gibt es Navigationssysteme mit Farbkarten-Darstellung, der Parksensor kostet ab 380 Euro, und für 915 Euro bekommt der Kunde ein elektrisches Schiebe-Ausstelldach.
Fazit: Der aktuelle Opel Astra ist ein durchaus feiner Kompaktklässler mit verhältnismäßig hohem Fahrkomfort. Damit beantwortet er die Frage nach der Allround- und Langstreckentauglichkeit eindeutig. Unauffällig-elegantes Design geht ebenfalls durch als Kaufargument – dieser Rüsselsheimer ist ohne Frage ein guter Tipp.