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Fahrberichte & Tests
 
Mercedes SL 55 AMG Front
Starker Auftritt: Mit dem SL 55 AMG können es
nicht viele aufnehmen
 
 

Wo der Hammer hängt

Die Dampfhämmer unter den offenen Luxuslinern von Mercedes heißen entweder SL 55 AMG oder SL 600. Letzterer ist der leisere und weniger auffälligere Geselle, während der AMG keinen Hehl daraus macht, dass er es in Sachen Fahrleistung auch mit den automobilen Supersportlern dieser Welt aufnehmen kann.

Keine Frage, der SL sticht nicht mehr wirklich aus dem Strassenbild hervor, obwohl er rein preislich eine exklusive Portion Auto darstellt. Doch so schlimm scheint die mit diesem Fahrzeug verbundene finanzielle Belastung seine Klientel nicht zu treffen, wie sonst ließe sich erklären, dass bis Oktober dieses Jahres über sechstausend Autofahrer zur offenen Markenlegende fanden. Das sind wohlgemerkt fast so viele wie auch den inzwischen zwar alternden, aber doch deutlich preiswerteren SLK wählten.
Unter 76.734 Euro geht nix; exakt diese Summe verlangt Mercedes für die Basis – der SL 350 mit sechs Zylindern, 3,7 Litern Hubraum und 245 PS. Ein gesund motorisierter 500er kostet gar 96.396 Euro, bietet dafür aber souveräne, wenn auch keine überschäumende Fahrleistungen. Dennoch hängt die Latte hoch, da ist es wenig tröstlich, dass die V8-Modelle ihre Kraft nun via Siebengang-Wandlerautomatik übertragen.

Mercedes SL 55 AMG Innenraum
 
Moderne Zeiten: Der
aktuelle SL mutet eher
futuristisch an
 

Zweifelsohne ist die Rede von faszinierenden Automobilen, doch Superlative tragen andere Kürzel. Zum Beispiel SL 55 AMG. Er ist eine der Früchte dessen, was ein bereits einige Zeit anhaltendes Powerplay im Bereich der Luxussportwagen und Oberklasselimousinen hervorgebracht hat: Erst wurde die 500 PS-Hürde genommen – früher hätte eine solche Leistung schlichtweg Unglauben ausgelöst, – dann machte man 600 Pferdestärken salonfähig. Carrera GT und CL 65 AMG dürften nur den Anfang darstellen.
Doch was öffentlich eher Unverständnis zu Tage fördert – freilich im Sinne rationalen Denkens, darüber würde man sich hinter vorgehaltener Hand schon nicht beschweren; genauso ist es eingetreten – sogar noch verstärkt: Rekordleistungen sind in Mode gekommen, die Hersteller überbieten sich gegenseitig, und die Kunden kaufen jene entstehenden Strassenrennwagen mit amüsierten Mienen.
Über Nutzen spricht man dabei schon lange nicht mehr, stattdessen regiert der Fahrspaß oder eben der Spaß an der Zahl. Schließlich hat es seinen Reiz, unbedarften Interessierten mitteilen zu können, auf den Punkt genau 500 PS zu kontrollieren.

Wie wirkt sich eine solch schiere Kraft in der Praxis aus? Nun, zunächst einmal nicht sonderlich aufregend. Geschulte Naturen werden bemerken, dass der 5,4-Liter Kompressor-V8 nach dem Start in einen nervös blubbernden Leerlauf fällt – die zivileren Versionen agieren dagegen etwas zurückhaltender. Mit vorsichtigem Gasfuß bewegt, zeigt sich der Sportler lammfromm – auf diese Weise kann ein Sprint bis 30 km/h locker auf eben so viele Sekunden ausgedehnt werden. Im akustischen Hintergrund deutet ein bei moderater Fahrweise verhaltenes, aber doch zorniges Grollen darauf hin, dass die Ruhe schnell vorbei sein kann, so der Fahrer es will.
Dazu bedarf es lediglich der weiteren Drosselklappenöffnung; dann katapultiert dieser SL seine Insassen mit brachialer Gewalt in jedweden Geschwindigkeitsbereich – vorausgesetzt, er befindet sich diesseits der gegen Aufpreis habhaften 300 km/h-Grenze.
Unbedarfte seien auch trotz des Umstands, dass ESP als letzter Rettungsanker zur Verfügung steht, zur Vorsicht gemahnt: Der unkontrollierte Umgang mit dem rechten Pedal kann auch trotz Stabilitätsprogramm Unruhe ins Heck bringen. Ausschalten sollten es allein geübte Fahrer, ansonsten dürften ungewollte Drifts die Tagesordnung prägen.

Wer die reine Vertikalbeschleunigung als langweilig empfindet, darf aufatmen. Das Fahrwerk mit dem serienmäßigen Wankausgleich – im Mercedes O-Ton Active Body Control genannt – sorgt für jede Menge Performance auf kurvigen Landstrassen. Im Grenzbereich neigt der Roadster zum Übersteuern – dann wird er von den zahlreich vorhandenen Elektronik-Gimmicks eingebremst. Allerdings greift die Stabilisierung erst recht spät ein, um sportlich ambitionierten Fahrern möglichst viel Freiraum zu lassen.
Obwohl der Supersportler straff abgestimmt ist, bleibt ein gewisses Maß an Komfort glücklicherweise erhalten.
Schade ist, dass die Karosserie an die Steifigkeit des Vorgängers nicht mehr heranreicht – insbesondere auf hartnäckigen Querfugen gerät die Schale schonmal ins Zittern – wenngleich der Bolide in dieser Disziplin immer noch sehr hohe Ansprüche erfüllt.
Sollte er auch, schließlich darf man für den Gegenwert von 126.556 Euro einiges erwarten. Und der Kaufpreis lässt sich ohne Schwierigkeiten von einer ohnehin exponierten Ebene ins Jenseits unendlicher Weiten transferieren. Immerhin addieren sich Positionen wie Navigationssystem (2.146 Euro), individuelle Lacke (bis zu 4.785 Euro) und Lederpolsterungen (bis zu 7.076 Euro), Parksensor (754 Euro), schlüsselloses Schließsystem (1.183 Euro), Komfortsitze mit Belüftung (742 Euro), Radartempomat (2.366 Euro) sowie doppeltes Xenonlicht (232 Euro) zu stattlichen Summen, die gegebenenfalls extra bezahlt werden müssen.

Mercedes SL 55 AMG  Heck, Rückleuchten
 
Ein Fest für die Sinne:
optisch und aktustisch
erste Sahne
 

Das von Hause aus gelieferte Gestühl liefert Gründe zur Zufriedenheit. Stramme, lederne Sportsessel mit ausgeprägten Konturen nehmen die Fahrerschaft nötigenfalls fest in den Griff.
Unbequem ist es auch auf längeren Strecken nicht. So avanciert der Edel-Mercedes in geschlossenem Zustand zum Kilometerfresser – vorausgesetzt, der in tiefer Frequenz brüllende Achtzylinder stört nicht in den Ohren empfindlicher Reisegäste.
Sein in der AMG Schmiede wohlkomponierter Klang würde – fehlte er – einerseits den traurigen Eindruck eines nicht vollendeten Gesamtkunstwerks hinterlassen, andererseits sehnt man sich insbesondere auf überfüllten Alltagsautobahnen nach einem weniger schnaubenden SL 500.
Ein solcher dürfte sich auch bei den Trinkgewohnheiten gesitteter benehmen – was man vom AMG nicht wirklich behaupten kann: 24 Liter auf 100 km sind selbst bei extrem flotter Fahrweise nicht mehrzeitgemäß. Nein, halt, es ist wieder zeitgemäß – die Superlative sind ja im Kommen.

Fazit: Wer Fahrleistungen eines Supersportlers in Verbindung mit hinreichendem Reisekomfort genießen möchte, kommt am SL 55 AMG kaum vorbei. Wohl portionierte Athleten-Optik, aber dennoch ein unauffälliges Erscheinungsbild lassen erahnen, was Understatement bedeutet. Sobald das Triebwerk seine Arbeit aufnimmt, ist es damit vorbei; dann verkündet der süchtig machende Sound in unüberhörbarer Weise, wo der Hammer hängt. Wenn das kein Hammer ist.



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