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Fahrberichte & Tests
 
Land Rover Defender Front
Ein Hauch von Modernität – Kennzeichen aus der
Jetzt-Zeit und der frische Anstrich kunden vom
dritten Jahrtausend
 
 
Schwerer Rausch-Angriff

Land Rover wird seines dienstältesten Modells – namentlich Defender – nicht müde, und die Kunden werden es auch nicht. Ganz im Gegenteil, dieses urige Gefährt ist längst zum Kultobjekt geworden, das selbst nach 50 Jahren noch genügend Autofahrer begeistert.

Verkehrte Welt. Autos in unseren Tagen stecken voller Software – so weit ist das Computerzeitalter bereits fortgeschritten. Doch nicht nur dieses bestimmt den Fahralltag: Moderne Autos repräsentieren längst die Theorie, dass sich Mensch und Maschine keineswegs nur in feindlichen Rollen gegenüberstehen. Im Gegenteil: Selbst Kleinstwagen bieten – was Innenraum-Anmutung, Fahrwerk sowie Geräuschentwicklung betreffen – allen erdenklichen Komfort; dank ihm macht das Autofahren Laune.
Ferner würden sämtliche Außenhüllen heutiger PKW zu Hauf Preise nach Hause bringen, gäbe es nur eine Kategorie für besonders glattflächiges Design. So etwas kommt eben bei der Jagt nach dem letzten Quäntchen Aerodynamik heraus.
Wer den Defender wohlwissend um jene Spielregeln erblickt, begeht eine Reise in Zeiten, als vollsynchronisierte Getriebe noch Luxus waren und die automobile Fortbewegung generell mehr Arbeit denn vergnügen bedeutete.
Seine Karosserie stellt sich gegen den Wind wie eine Wand; den Insassen teilt sich dieser Zustand in Form von wirbelndem Rauschen mit, als sitze man inmitten eines tobenden Herbststurmes an der europäischen Nordmeerküste.
Und was dem Freund natürlicher Urgewalten ein strahlendes Gesicht beschert, macht der Physis des Defenders zu schaffen: Mehr als 130 Stundenkilometer sind trotz 122 Pferdestärken nicht drin.

Land Rover Defender Innenraum
 
Auch als Rechtslenker
zu haben – aufpolierter
Defender
 

Jener rustikale Defender ist ein Auto des Zwiespalts, durch und durch. Neuzeitlich verwöhnte Mobilmenschen geht es ja schon durch Mark und Knochen, bevor und während sie den Land Rover ersteigen, erstrecht aber, wenn sie in ihm sitzen. Die Armaturen mögen in den Fünfzigerjahren ihrer Zeit voraus gewesen sein, nun bringen sie die Passagiere zum Schmunzeln. Simpel wie übersichtlich erstreckt sich das Brett, welches die Bezeichnung tatsächlich noch verdient, über die Horizontale des Innenraums und verkörpert den Charme des Vergangenen. Möchte man die Konfiguration der Klimatisierung verändern, sprich Luftstrom oder Temperatur regeln, ist noch ordentlicher Zug gefordert. Schließlich wollen die knäpplich beschrifteten Schieberegler kräftig bedient werden, für Zimperliche ist hier kein Platz.
Jetzt schießt dem Autor in den Kopf, was der Liebhaber britischer Autokunst niemals zu denken wagte: Ein kleiner Hauch von Ur-Käfer weht durch dieses Cockpit.
Wo ist der Drehzahlmesser? Fehlanzeige, dafür aber berichten kleine Infoskalen über Uhrzeit, Wassertemperatur und Tankzustand – und eine große teilt die Geschwindigkeit in unmissverständlicher Art und Weise mit.

Airbags sucht man im Defender ebenso vergeblich wie elektrisch einstellbare Außenspiegel oder besonders aufwändiges Gestühl. Letzteres gibt aber trotz eingeschränkter Verstellmöglichkeiten eine gute Figur ab – mit der stets aufrechten Sitzhaltung spult man viele Kilometer ermüdungsfrei ab und fühlt sich während des Aufenthalts wohl.
Aber Moment! Ein kleiner Funke Technik hat doch Einzug gehalten in dieses anachronistisch wirkende und gleichermaßen faszinierende Auto. Auf der Mittelkonsole versammeln sich – wie im Science-Fiktion-Märchen – in der Zeit verirrte Schalter zur Betätigung optionaler elektrischer Scheibenheber wie Sitzheizung.
Eine mit Antiblockiersystem ausgestattete Bremsanlage hält den Defender auch bei maximaler Verzögerung lenkfähig, und eine Traktionskontrolle, welche per Bremsung einzelner Räder die Wirkung eines sperrenden Vorder- respektive Hinterachs-Differenzials simuliert, verbessert die Fahreigenschaften auf dem ureigenen Terrain dieses Fahrzeugs, nämlich im Gelände. Beide Funktionen sind optional lieferbar. Frei Haus gibt es dagegen ein sperrbares Mitteldifferenzial für grobe Pisten.

Aus der Armaturenmitte blinzelt ein mit LCD-Display versehenes Radio; es bietet sogar CD-Spieler und RDS, dafür aber schlechten Radioempfang. Doch wer hört hier schon Musik aus dem Äther oder von modernen Medien.
Sobald das schnaubende Dieseltriebwerk seine Arbeit aufgenommen hat, beginnt eine Beschallung anderer Art. Rustikal tönend treibt der gar nicht so altertümliche Fünfzylinder das robuste Gefährt nach vorn – dies geschieht nach dem Kaltstart eher unwillig, während der Zweieinhalbliter den Defender bei Betriebstemperatur durchaus angemessen flott in Fahrt versetzt. Von sanfter Fortbewegung kann indessen keine Rede sein, vorne rasselt es, aus dem Getriebetunnel singt es, und die Gänge wollen – den Stil fortführend – in kräftiger Hauruck-Manier eingerastet werden.
Erstaunlich wacker schlägt sich die Dämpfung, welche aus dem Bauernburschen gewiss keine Komfort-Oase zaubert. Dennoch rollen die beiden schraubengefederten Starrachsen verhältnismäßig weich über Polterstrecken. Dafür lenkt sich der Brite stramm und mit einer gehörigen Dosis Indirektheit, so dass jede Kurve mit kämpferischem Kurbeln angegangen werden muss, was genauso zum liebenswürdigen Charakter dieses Fahrzeugs gehört wie der gigantische Wendekreis, der selbst die kurze 90er-Version zum Paradebeispiel unhandlicher Vehikel avancieren lässt.

Ein Paradebeispiel erfreulicher Vielseitigkeit hingegen stellt das Angebot der verschiedenen Ausführungen dar. Von der Version mit kurzem Radstand und vier Sitzplätzen im Fond über die längere 110er-Variante bis zur 130er-Version mit über 3,20 m Abstand zwischen Vorder- und Hinterachse ist alles dabei, was das Herz begehrt. Daneben gibt es mehrere Aufbauarten wie Stationswagen, Pickup oder Plane für den jeweilig richtigen Einsatzzweck.
Hierzulande dürfte ein Gros der ausgelieferten Fahrzeuge weder in einer besonders ausgefallenen Form auf die Strasse kommen noch im Gelände eingesetzt werden. Bekanntermaßen halten Offroader in häufigen Fällen als Vorzeige-Objekte her, die in der Praxis alles andere als ihrer Fahrzeugkategorie gerecht werden müssen.
Mit einem Einstandspreis von 22.900 Euro ist das Defender-Vergnügen keinesfalls billig. Zahlreiche Sonderausstattungen wie ABS (1.650 Euro), Klimaanlage (1.510 Euro), Leichtmetallräder (1.420 Euro) und Metallic-Lackierung (480 Euro) erhöhen den Grundpreis empfindlich.
Dieselverbräuche zwischen neun und zwölf L/100 KM erscheinen angemessen für knappe zwei Tonnen Masse mit urzeitlicher Aerodynamik.

Fazit: Der Land Rover Defender td5 fällt ohne Frage aus dem Rahmen. Kaum ein anderer Hersteller versteht es, einem technisch simplen und über lange Jahre kaum modifizierten Fahrzeug das Image des Lifestyle-orientierten Kult-Allradlers zu versehen.
Verspielte Kleinigkeiten aus der Vergangenheit wie großväterliche Lüftungsklappen unterhalb der Windschutzscheibe sowie außen angebrachte Türscharniere versprühen jenen Charme, den andere Autos auch durch technik nicht wettmachen. Auf der Sollseite stehen Defizite im Sicherheitsbereich und fehlender Komfort. Davon jedoch lassen sich eingefleischte Defender-Fans nicht abschrecken, und eine große Fangemeinde ist dem dienstältesten Land Rover so sicher wie dem Papst der Segen.

 

 



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