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Fahrberichte & Tests
 
Jaguar XJR Front
Chrom – sonst Jaguartypisch – findet sich an der
englischen Hochleistungslimousine kaum
 
 

Englische Revolution

Längst zählt der XJ nicht mehr zu den ganz exotischen Vertretern der automobilen Oberklasse. Gut so, denn Jaguar möchte sein Flaggschiff ja auch auf der Strasse und nicht allein in den Schauräumen der Vertragshändler sehen. Im Folgenden wird der sportliche XJR näher behandelt.

Als der letzte und heute immer noch frische XJ eingeführt wurde, staunten Fachleute wie Laien über den Generationensprung, den der britische Hersteller bei seinem Topmodell vollzogen hatte. Das Raummaß nahm nun endlich luftige Dimensionen an, High-Tech war ab sofort kein Thema mehr (Luftfederung, elektrische Parkbremse sowie Sechsgangautomatik) und schließlich gab es obendrein sogar einen Wettbewerbsvorteil: Der große Jaguar war – und bleibt vorerst – dank Alu-Karosse die leichteste Oberklasse am Markt. Audi setzt natürlich weiterhin auf jenes gewichtarme Metall, doch der Quattro-Antrieb wirft so manche zusätzliche Pfunde auf die Waage.
Und um die große Raubkatze zu prüfen, nahm unsere Redaktion den XJ schon frühzeitig in den Entwurfsplan 2004 auf; vorgesehen war zunächst ein Vergleich im Rahmen mehrerer Spitzenlimousinen. Doch verschiedene Umstände haben letztlich dazu geführt, dem XJR einen eignen Platz zu widmen. Die hiesigen Hersteller haben zum einen kein geeignetes Produkt im Programm, welches zum Vergleich mit dem XJR geeignet wäre.

Jaguar XJR Innenraum
 
Im sportlichen XJR darf
es durchaus bunt
zugehen
 

Ein Super V8 dagegen – nobles Spitzengefährt der Marke und hinsichtlich der Vergleichbarkeit weniger schwierig handzuhaben, war auf die Schnelle nicht verfügbar; der XJR ist demnach die sportliche Alternative zu jenen sonst eher biederen Luxus-Limousinen. Er steht mit keinem geringeren als dem Maserati Quattroporte auf gleicher Augenhöhe, denn dieser ist zwar noch etwas exotischer, aber ungefähr gleich teuer und stark. Auch über ihn wird demnächst eine Abhandlung erscheinen.
Doch zurück zum Thema: Ist der XJR eine drahtige Sportlimousine oder doch eher Komfortgleiter auf Samtpfoten? Zumindest lässt die äußere Erscheinung ersteres vermuten, denn statt blitzendem Chrom- wird man vom matt-schwarzen Gitterdrahtkühler begrüßt – da schwingt schon etwas Durchtrainiertes mit. Chrom sucht man an diesem Jaguar übrigens vergeblich, an seine Stelle wich ebenso mattes Schwarz wie das Antlitz vorgibt.
Die erste Ausfahrt mit dem 5,09 m langen Schiff hat so gar nichts hektisches oder athletisches. Vielmehr beeindruckt der Kompressor-V8 durch ausgeprägte Lautlosigkeit.

Doch halt, da war was! Wer das Gaspedal nach Ergrünen der Ampel nicht gefühlvoll niedertritt, erlebt das Dickschiff nach vorn schnellen, was vielmehr an der Auslegung des Wandlers und nicht am Motor liegt. Dieser hebt mit steigender Drehzahl seine sanft-murmelnde V8 Stimme – spätestens jetzt stellt man fest, dass der fehlende Zwölfzylinder einen Segen und nichts anderes darstellt, weil jener vermeintlicher König des Motorenbaus die Ohren bei weitem nicht so verwöhnt wie sein achtzylindriger Kollege. Und auch schwachbrüstig ist er beileibe nicht: Ganze 395 mobilisiert das mit 4,2-Liter Hubraum vergleichsweise kleine Aggregat, den Rest besorgt der Kompressor. Und natürlich das moderate Gewicht, da ist wahrlich eine Beschleunigung angesagt, die den Namen redlich verdient.
Dann allerdings mischt sich ein charakteristisches Surren in den sorgfältig zusammengestellten Soundmix aus vorwiegend dunklen Klangfarben, welches der Komposition allerdings einen frischen Touch verpasst. Je besser man den XJR kennen lernt, desto überzeugender erscheint das Klangbild des Triebwerks, dessen Aufladung für eine zunächst befremdlich wirkende Akustik sorgt.

Jedenfalls ist es in der Fahrgastzelle keinesfalls laut: Die säuselnde Kulisse aus dem Bug wird ab mittleren Tempi ohnehin vom milden Rauschen des Windes übertönt. Also eher sanfter Natur wie auch das Fahrwerk. Sicher, die obligatorisch sportliche Dämpfer-Ausrichtung outet sich darin, indem sie kurze Unebenheiten leicht hölzern pariert. Doch auf der Autobahn tut das der Oberklasse keinen Abbruch. Hier gleitet sie souverän von Ausfahrt zu Ausfahrt – das macht auch von Flensburg bis München Freude.
Das macht es sowieso, denn selbst der kurze XJ geizt nicht mit Bewegungsraum. Das leidliche Kapitel der zu eng geschnittenen Karosse – insbesondere was den Einstieg und die Kopffreiheit angeht – ist mit dem neuen Modell endgültig abgeschlossen. Da können Kritiker, die den im Vergleich zu früher hoch ausgefallenen Luxusliner wegen der vermeintlich weniger elegant wirkenden Linie schelten, lospoltern, oder jene Fortschrittsverliebten, die im neuen XJ das wirklich Neue vermissen, dürfen lautstark klagen: Sie übersehen allesamt das Entscheidende. Der aktuelle XJ bietet den Wettbewerbern Paroli, aber er tut das im klassischen Gewand.

Als perfektes Gegenstück zum äußeren Styling entpuppt sich das konservativ angelegte Interieur. Hier gibt es sie noch, die konventionellen Rundinstrumente: In diesem Fall mit etwas klein geratener Schrift. Dafür kann der Umsteiger auf Anhieb alles bedienen, außer das als Sonderausstattung erhältliche Touch-Screen-Navigationssystem, für das Ungeübte schonmal in die Bedienungsanleitung schauen müssen.
Edle Holz-Täfelung erfreut gerade Kunden mit britisch angehauchter Seele, feines Leder gehört hier natürlich auch zum Standard. Aber nicht nur das. Als nackt wird den XJR niemand bezeichnen wollen, das gilt auch bei Zurückhaltung mit Sonderausstattungen.
Zu den Selbstverständlichkeiten gehören Airbags vorne, an der Seite und für die vorderen wie hinteren Seitenfenster; ebenso wie ABS und elektronisches Stabilitätsprogramm. Natürlich funktioniert alles elektrisch – sogar die Pedalen können per Knopfdruck justiert werden. Ferner gibt es einen Bordcomputer, Klimaautomatik, Leichtmetallräder, Radioanlage mit CD-Wechsler, Sitzheizung, Tempomat, Xenonlicht und natürlich eine fernbedienbare Zentralverriegelung.
Stattliche 88.800 Euro müssen XJR-Interessenten schon berappen, allerdings werden daraus auch schnell 100.000, sofern der Griff in die Sonderausstattungsliste tief genug ausfällt. Bei einem Fahrzeug dieser Preisklasse darf denn auch der Kompressor-Zuschlag bei den Benzinkosten nicht stören – wobei ein realistischer Verbrauch von 14 Litern alle einhundert Kilometer angesichts der Performance mehr als in Ordnung geht.

Fazit: Der Jaguar XJR ist ein Auto für sportliche Individualisten, ohne sportliche Härte. Es ist vielmehr die Optik, im Inneren herrscht eine Sänfte, welche dieser Fahrzeug-Kategorie durchaus gerecht wird. Dennoch, ein langsamer Wagen ist der stärkste Jaguar mitnichten – das Kompressor-Triebwerk beschleunigt den Boliden in windeseile auf die begrenzte Höchstgeschwindigkeit von 250 Stundenkilometern. Im Bedarfsfall lässt sich der 1,8-Tonner auch exzellent verzögern – die verstärkte Bremsanlage aus dem Hause Brembo macht es möglich. Noch ein spezifisches Merkmal der sportlichsten Oberklasse aus dem britischen Traditionshaus. In diesem Sinne bleibt den potenziellen Kunden nichts, als ihnen viel Spaß bei der Probefahrt zu wünschen – sie werden überrascht sein.



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