Der Dodge Caliber SRT4 ist tatsächlich ein Kaliber, ein ganz schön großes sogar. Mit Turboaufladung und fast 300 Pferdestärken hat Chrysler genau die richtige Offerte für Liebhaber exotischer und ebenso schneller Fahrzeuge im Angebot. Wie fährt sich diese außergewöhnliche Kompaktklasse?
nter einem richtigen Ami stellt sich das gemeine Volk etwas anderes vor: Riesengroß und acht Zylinder unter der Haube freilich sind unbedingt zu erfüllende Kriterien. Aber der Dodge Caliber ist definitiv vom anderen Schlage. Mit gut 4,4 Metern Außenlänge passt der kompakte Fronttriebler problemlos in europäische Kleinstädte und kann den Verdacht des Einparkschrecks mit Nachdruck von sich weisen. Für den gutbürgerlichen Deutschen führt der inzwischen halbitalienische Hersteller sogar Dieselmotoren aus dem Volkswagen-Bestand im Angebot, somit ist die Zielgruppe etwas breiter gefächert. Verkehrte Welt. Hier und jetzt allerdings geht es um eine seltener geartete Version des Calibers. Dezentes Spoilerwerk samt Lufteinlass-Hutze auf der Motorhaube sowie Diffusor weisen den potenziellen Spießer-Nachbarn darauf hin, dass sein ebenso potenzielles Mittelklasse-Vehikel leistungsmäßig ziemlich wahrscheinlich den Kürzeren zieht. Mit exakt 295 PS ist der Caliber SRT4 nach dem Ford Focus RS nämlich das zweitstärkste frontangetriebene Fahrzeug, was ihn zwar gutmütig macht im allgemeinen Handling, aber vor allem bei Regen einen sanften Gasfuß erfordert, denn selbst die Traktionskontrolle weiß die Räder bei Leistungseinsatz kaum noch unter Kontrolle zu bringen.
Aber alles mal ganz ruhig angehen und den Innenraum zunächst genießen. Ausladende Schalensitze warten schon auf ihre Passagiere; bereits der bloße Anblick lässt vermuten, dass sie menschliche Fracht selbst bei höchster Querbeschleunigung niemals aus der Bahn werfen. Erstes Probesitzen bestätigt den Eindruck: Man fristet den SRT-Aufenthalt tatsächlich recht festgeklammert, aber das Gefühl darf getrost als wohlig bezeichnet werden. Die Mittelbahn ist knackig-straff gehalten, während ausgeprägte und ebenso weiche Wangen sich freundlich an den Körper schmiegen. Freundlich ist übrigens auch das Platzangebot – vorn wie hinten sitzen kleine wie große Menschen in großzügigem Freiraum, um durchaus auch lange Strecken problemlos wegzustecken. Ansonsten dürfen sich Ami-Fans über einen landestypischen Fahrgastraum freuen mit ordentlichem Plastikanteil und hemdsärmeligem Einschlag. Selbst wenn der Becher in den Cupholdern mal überschwappen sollte – hier ist es kein Beinbruch. Falls es denn überhaupt jemals passiert, denn die Getränkehalter sind – vorn zumindest – beleuchtet. Beim SRT muss der Kunde in puncto Praxistauglichkeit leichte Abstriche hinnehmen, so ist die Beifahrersitz-Lehne nicht umklappbar, wahrscheinlich sind die Sportsessel schuld. Aber auch darüber wird sich niemand die Haare raufen.
Dafür bleibt die große Box in der Mittelkonsole erhalten, deren Ablagen schlucken einiges an Kleinkram – und auf der Armaturentafel lassen sich ebenfalls Dinge verstauen. Cola-Dosen lagern im Caliber kühl, das abgeteilte Fach im Handschuhkasten heißt "Chill Zone" und könnte einen Tick breiter ausfallen. Allerdings sind das Belanglosigkeiten gegen die wirklich wichtigen Sachen – also endlich Schlüssel umdrehen und starten. Okay, die erste Bewährungsprobe hat der wilde Vierzylinder bestanden. Das dicke Ofenrohr, welches unübersehbar rechts zwischen der letzten Diffusor-Rippe herausragt zahlt sich aus und produziert sportlich angehauchte Laute. Schon bei Standgas schnaubt der Turbo – erst noch mild, dann mit veränderter Gaspedalstellung schon grimmiger. Spannend wird das natürlich erst mit eingelegtem Gang. Wer vorher noch im 0815-Durchschnittsvehikel unterwegs war, spürt spätestens beim Treten des linken Pedals die sportlichen Gene des SRT4, denn hier müssen Kupplungs- und Schwungscheibe deutlich fester aufeinander gepresst werden. Etwas träge, aber treffsicher bewegt sich der Schalthebel erst nach links und dann nach vorn, um schließlich klackend einzurasten. Zunächst setzt sich der Kompakte unspektakulär in Bewegung.
Wenn aber der böse Lader Druck aufbaut, was eine extra Skala anzeigt, ist er kaum noch zu halten. Bitte erst ab Landstraßen-Tempo das Drehzahlband vollständig nutzen und Lenkrad gut festhalten, dann landet die Power auch auf dem Asphalt. Auf dem Beschleunigungsstreifen zeigt der Caliber Zähne und hängt die Mehrheit locker ab. Erst jenseits der 220 Stundenkilometer lässt der Schub deutlich nach – bis dahin bleibt er stramm. Die amerikanischen Fachblätter bescheinigen dem Kompakt-Dodge, dass er 200 km/h in deutlich unter 27 Sekunden erreicht. Aber immer schön auf Spurrillen achten, denen der kleine Express-Tourer gerne nachläuft. Trotz straffer Abstimmung überrollt er Unebenheiten übrigens human und spricht selbst auf harte Patzer milder an, als das Vorurteil möglicherweise vorgibt. Er ist aber auch kein Kurvenräuber reinsten Wassers, sondern nimmt schnelle Kehren etwas unbeholfen. Ein bisschen Kompromissbereitschaft muss schon sein, wenn man sich für einen Exoten dieser Art entscheidet – was für eine Binsenweisheit. Dennoch hält der schneller Kompaktklässler eine erfreuliche Überraschung bereit: Wer sich auf der streckenweise limitierten Piste mal zurückhält, fährt mit unter acht Litern Kraftstoff pro 100 Kilometer. Und das, obwohl selbst der sechste Gang noch recht kurz übersetzt ist.
Neben den Trinksitten ist auch der Grundpreis moderat: Denn 31.490 Euro sind wahrlich kein hoher Kurs, zumal der SRT4 schon über eine satte Basisausstattung verfügt: Alarmanlage, Antiblockiersystem, Front- und Windowbags vorn und hinten, elektrisch verstell- wie beheizbare Außenspiegel, Bremsassistent, Bordcomputer, elektrische Fensterheber rundherum, elektrisches Glasschiebedach, höhenverstellbarer Fahrersitz, Klimaanlage, Leichtmetallräder im 19-Zoll-Format, Metallic-Lackierung, Multimedia-System mit 30 GB-Festplatte sowie Touchscreen, Sitzheizung, elektronisches Stabilitätsprogramm, Tempomat, Wegfahrsperre wie Zentralverriegelung inklusive Funkfernbedienung. Ein besonders witziges oder in manchen Situationen vielleicht auch pfiffiges Detail ist die wiederaufladbare Taschenlampe. Normalerweise ruht sie unauffällig als Innenraumleuchte für den Fondbereich. Sonderausstattungen per Liste sind für den stärksten Caliber nicht zu bekommen. Das Navigationsmodul gibt es auf Wunsch beim Dodge-Partner – die Qual der Wahl bekommt der Kunde hier jedenfalls nicht zu spüren, zumindest dann nicht, wenn er sich einmal für den SRT4 entschieden hat.
Fazit: Der Dodge Caliber SRT4 ist Allrounder, Dynamiker, Exot und obendrein Schnäppchen. Diese Kombination kann man lange suchen. Der kräftige Turbo-Benziner weiß ordentlich auszuteilen und – wenn der Gasfuß mitspielt – auch ganz schön zu geizen an der Tanke. Überzeugt? Dann schnell zum nächsten Dodge-Händler und probefahren. Bereuen ausgeschlossen.