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Fahrberichte & Tests
 
Chrysler 300 C Front, Innenraum

V8-GEFLÜSTER

Mit dem Chrysler 300 C ist automobile Wahrheit geworden, wovon Ami-Fans immer träumten: Ein echter Straßenkreuzer, bezahlbar und mit dickem V8-Motor. Sogar an die Historie wurde gedacht, denn neben der Modellbezeichnung gab es auch bei Charger & Co. schon hemisphärische (halbkugelförmige) Zylinderräume, die für bessere Effizienz bei der Verbrennung sorgen sollten. Autotipp.

Von zeitgemäß ist keine Rede: Überfüllte Großstädte brauchen keine Fünfmeter-Autos. Doch genau so einer ist der 300 C – 5.015 mm misst er in der Länge. Und Spritpreis-geplagte Autofahrer brauchen keine Motoren mit 5,7 Liter Hubraum. Vielleicht aber ja doch. Denn mit dem großen Chrysler erfüllt sich ein amerikanischer Traum, lediglich neu interpretiert. Übergröße, wuchtiges Auftreten, acht Zylinder – das fehlte dem deutschen Automarkt noch, der ehemalige 300 M konnte da kaum etwas ausrichten, zumal er auch nur relativ kleinvolumige V6 unter der Haube trug. Für die Sparer unter den Ami-Fans empfiehlt sich denn die Selbstzünder-Variante, damit sei für zivilisierte Trinksitten garantiert. Mercedes spendierte dem Dickschiff sein hochmodernes Dreiliter-Commonrail-Aggregat, damit lässt sich auch fahren. Doch stilecht geht anders: Verbräuche um die 13 Liter schockieren hier nicht, dafür überraschen unter zehn. Auch das funktioniert – die Rezeptur dafür findet man am Lenkrad. Denn wer gelassen, mit eingestelltem Tempomat, nahe Richtgeschwindigkeit durch die Lande cruist, kann tatsächlich Ressourcen sparen.

Chrysler 300 C Touring Heckansicht, Rückleuchten
 
Flaggschiff: Der 300 C Touring
 

Aber mal Hand aufs Herz: Wer einen tief teutonischen Mercedes E 500 um die Ecken jagt, fährt ähnlich gefräßig, da ist schon das Gemüt eines Liebhabers gefragt. Und der vermisst beim Chrysler etwas Sound. Extrem leise Fortbewegung ist ja schön und gut, doch kein V8-Bollern beim großen Ami-Schlitten? Nein, gibts nicht. Außer einem Säuseln lässt sich der dicke Brocken hinter dem ausladenden Grill nichts entlocken. Bei hoher Drehzahl kreischt er durchaus ambitioniert, doch das tun die V6-Versionen ebenso. Bleibt also die Magie der Zahl als Trost? Mitnichten! Der Zweiventiler verwöhnt mit sattem Durchzug – schließlich gibt es statt mageren SAE-Pferdchen waschechte 340 DIN-PS, eine weitere Abweichung von amerikanischer Originalkost im Ur-format. Wer den Start hurtig angeht, erlebt den zweitstärksten Dreihunderter mit einer gen Himmel gestreckter Nase. Tief kauernde Selfmade-GTI's mit bösem Blick lässt er rasch hinter sich, es geht zügig hoch auf 250 Stundenkilometer, auch das darf als kleine Besonderheit wahrgenommen werden. Dieser Chrysler ist eben ein echter Anglo-Schwabe.

Innen merkt man davon aber nichts. Plastik statt Edelholz bestimmt die Landschaft, hier und da knistert schonmal etwas. Dafür sind die Instrumente funktional, klar und sogar richtig hübsch gestaltet. Sowohl die Analoguhr wie auch die Tachoskalen tragen traditionelle Schnörkelschrift, und was digital ist – beispielsweise der Bordcomputer –, wird in grünen LED ausgegeben, Amerikanismus ist in jener Stube stets präsent.
Das obligatorische Leder entspricht der Klasse; die Stühle sind bequem und bieten gerade so viel Seitenhalt, wie der Durchschnittsfahrer an Querbeschleunigung provozieren mag. Da dürfte es eher moderat zugehen, denn die Kurvenhatz stand einem Ami noch nie zu Gesicht, dem aktuellen 300 C also auch nicht. Dafür reißt er lange Autobahntrips stressfrei ab, glättet dort meist anzutreffende Wellen säuberlich und rumpelt schonmal ein wenig bei hartnäckigem Kopfsteinpflaster – so liebt es der bekennende Freak amerikanischer Automobilbaukunst. Lediglich das weiche Wesen alter Strassenkreuzer fehlt dem 300 C anno 2006, er geht schon merklich straffer zur Sache.

Und geräumig auch. Mit 3,05 m Radstand übertrifft die Chrysler-Businessklasse sogar das Flaggschiff von Mercedes. Da können sich selbst hinten reisende Fahrgäste keinesfalls über mangelnde Beinfreiheit beklagen. Wer zusätzlich viele Sachgegenstände transportieren will, ist mit der Touring-Ausführung, welche für den Test zur Verfügung stand, sicherlich bestens bedient. Schließlich sind 1.602 Liter maximales Kofferraumvolumen eine deutliche Ansage. Praktische Details wie ein doppelter Ladeboden samt Gepäcknetz sowie zwei große Mulden links und rechts für etwaige Schlamm-Gummistiefel runden das praktische Können des US-Schlachtschiffs ab. Und sonst? Ach ja, den Gangster-Look gibt es bei der nützlichen Lade-Variante frei Haus – wundern sie sich also nicht, wenn ihr Nachbar demnächst Angst vor ihnen hat. Besonders schwarzer Lack und die auf Wunsch abgedunkelten Scheiben der Fondtüren und Heckklappe verstärken die Wirkung ungemein. Dazu kommen die hohe Gürtellinie und Fenster, die Schlitzen (wie man sie von Gefängnisbussen kennt) gleichen – unheimlich, aber irgendwie spannend.

Chrysler 300 C Touring, Ladefläche, Staurraum, doppelter Boden
 
Der Doppelte Boden ist nützlich...
 

Geradezu erschreckend günstig wirkt der Preis von 49.500 Euro, der außerdem sämtliche Gimmicks enthält, von denen der Otto-Normal-Autofahrer sein Leben lang träumt. Zu den Selbstverständlichkeiten gehören Alarmanlage, Antiblockiersystem, Front- und Vorhängeairbags für beide Sitzreihen, elektrisch verstell- und beheizbare Außenspiegel, von denen der rechte automatisch abblendet, Bordcomputer, elektrische Fensterheber rundrum, Innenspiegel automatisch abblendend, Klimaautomatik, Lederpolster, elektrisch verstellbare Lenksäule, Niveauregulierung, Parksensor, Radioanlage mit RDS und CD-Player, Regensensor, Reifendruck-Kontrolle, elektrisch verstell- und beheizbare Sitze, Tempomat, Xenonlicht sowie Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung.
Für weitere 3.850 Euro gibt es eine DVD-Navigation, das Soundsystem, elektrisch verstellbare Pedale und Sitzheizung im Fond. Das ebenfalls elektrische Glas-Schiebe-Hebedach kostet 1.150 Euro, und wer nochmal 770 Euro in die Hand nimmt, bekommt seinen 300 C im Metallic-Ton. Der lieferbare Allrad-Antrieb ist etwas teurer: 2.300 Euro möchte Chrysler dafür sehen.

Fazit: Der Chrysler 300 C ist ganz auf amerikanisch getrimmt: Monumentaler Grill, King-Size-Format, Ausstattung satt und günstiger Preis. Mit dem V8 an Bord erwirbt der Interessent einen richtigen Strassenkreuzer – modern interpretiert freilich. Etwas mehr Achtzylinder-Brabbeln wäre wünschenswert – das soll der SRT-8 angeblich besser können. Wahrscheinlich werden die meisten Kunden ohnehin zum Diesel greifen, angesichts der Spritpreise wohl verständlich. Hier ist eben doch Europa und nicht Amerika.

 



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