Der Alfa Romeo Spider geht in Rente und wird nicht mehr gebaut. Kaufen lässt er sich aber noch als Neuwagen – selbst über 2011 hinaus, denn die Lager sind gut gefüllt. Grund genug, sich noch einmal mit der zuletzt eingeführten, 200 PS starken Turbobenziner-Version zu beschäftigen. Autotipp.
ämtliche Autohistoriker laufen Sturm, wenn sie den Namen des noch aktuellen Cabrios von Alfa Romeo aussprechen müssen. Spider. Okay, zu schwer ist er geraten, ein bisschen mollig – aber mitnichten hässlich. Grimmig schauen die zackig geschnitzten Scheinwerfer gen Horizont, als hätte der meist als Fronttriebler auftretende Mailänder gehört, wie Alfa-Fans alter Schule weinend über sämtliche Vorgänger diskutieren, die bis in die Sechzigerjahre des vorigen Jahrtausends zurückreichen. Früher noch mit Heckantrieb, federleicht, zumindest unter einer Tonne je nach Ausbaustufe, und im Falle der ab 1971 lieferbaren Zweiliter-Variante mit rund 130 Pferdchen kräftig motorisiert – der Spider war zweifellos sportlich gefärbt. Zweihundert Sachen waren kein Thema, kräftige Beschleunigung auch, jedenfalls gefühlt. Und heute? Locker 500, eher 600 kg mehr schleppt ein 2010er Spider mit sich herum, 70 PS mehr als die Topversion des Urmodells bringt er auf die Rolle. In puncto Leistungsgewicht heißt das Gleichstand, aber es gibt mehr Übersetzungen und fülligeres Drehmoment. Beschleunigung auf 100 km/h binnen weniger als acht Sekunden, davon träumten Spider-Besitzer früher – dennoch wirkt die Neuauflage gewichtig, wie das eben mit den neuen Autos inklusive aller Sicherheitsauflagen ist. Klar, dass es auch heute noch leichtfüßig geht, beweist ein Mazda MX-5 eindrucksvoll – aber der ist nicht so luxuriös.
Genau dieses Ziel verfolgten die Väter des luftigen Alfa Romeo offenbar seit den Mittneunzigern, das zeigt nicht zuletzt der erstmalige Einsatz leistungsstarker V6-Triebwerke. Jetzt gut aufpassen, liebe Kritiker des jüngsten Spiders: Ganze 1.545 kg Leermasse brachte der 3,2-Liter-Vertreter des Vorgängers auf die Waage, also nicht immer war früher alles besser. Gut, Allradantrieb muss wirklich nicht sein – eine Achse mit Power zu versorgen, reicht völlig. Weniger als zwei Liter Hubraum auch, genauer gesagt: Nur 1.747 Kubikzentimeter messen die Räume der vier Zylinder des jungen Otto – Direkteinspritzung und Aufladung müssen unbedingt sein, viel Leistung und nach Möglichkeit wenig Verbrauch sind das erhoffte Resultat. In der Praxis hängt der Spritkonsum ziemlich stark vom Umgang mit dem rechten Pedal ab – das fällt vor allem bei den Benzinern auf. Nicht dass sich Dieselmotoren anders verhielten, aber ihr Hunger kennt einfach engere Grenzen. Solange der Verbrauch jedoch einstellig bleibt, ist ja alles im grünen Bereich. Und außerdem entschädigen Laufkultur wie Sound für einen etwas tieferen Blick in den Tank. Es ist ja nicht so, dass man keinen Selbstzünder-Spider kaufen könnte – was früher niemand zu träumen gewagt hätte, ist im 21. Jahrhundert problemlos machbar, sogar in drei verschiedenen Leistungsklassen. Doch höchste Zeit für eine kleine Kost- und Hörprobe der hier besprochenen Maschine.
Per Knopfdruck wird der Impuls für den ersten Zündfunken auf den Weg geschickt; dann erwacht der TBi prompt und überzeugt mit kehliger Tonart, zeigt aber auch, dass der typische Alfa-Sound aus alten Tagen abhanden gekommen ist. Man merkt eben: Das 21. Jahrhundert ist schon deutlich angebrochen, neue Zeiten rücken heran. Aber der 1.750er ist kein übler Geselle – er schiebt das schwere Cabrio nachdrücklich voran, wirkt ein bisschen wie ein Sauger mit ordentlich Volumen. Das besonders frühe Drehmoment-Hoch (bei 1.400 Touren) eliminiert potenzielle Turbolöcher schon im Keim, demnach ist auch keines vorhanden. Satte 320 Nm Drehmoment liegen dann schon an, so macht schaltfaules Fahren Spaß. Dabei kann der Doppelnocker auch fröhlich drehen: Er hängt süffig am Gas, und die sauber rastende Sechsgang-Schaltung spielt mit bei kurzen Ausflügen in die Welt der Dynamik. Ein Dauerzustand bleibt das meist nicht, irgendwie steht dem Spider die Rolle des lässigen Cruisers, und er bietet sogar ein Fünkchen Fahrkomfort, auch wenn man das gar nicht von ihm erwartet. Bei ausbleibendem Niederschlag ist man getrieben, die Hüllen (selbstverständlich per Elektromotor) fallen zu lassen – mit einer gewissen Gemütlichkeit setzt sich der edle Stoff denn auch in Bewegung und verschwindet restlos, so dass ein vollendet schöner Oben-Ohne-Alfa mit makelloser Cabrio-Linie übrig bleibt.
Und schon wieder versagt der Spider-Effekt, denn Wind tost erst bei höheren Geschwindigkeiten um die Ohren der menschlichen Fracht. Vielleicht gehören die früher jungen und wilden Typen zur Käuferschicht, die Turbulenzen mit den Jahren nicht mehr ertragen können? Dafür kann der Alfa nun ohne Probleme Verwerfungen ab ohne in Zitterorgien auszubrechen; er bügelt sie sogar recht wirkungsvoll glatt, was dem Schönling die versprochenen Tourer-Qualitäten verschafft. Da spielen auch üppig gepolsterte Sitze mit – ein paar hundert Kilomater am Stück sind kein Thema. Das Platzangebot geht in Ordnung, wenngleich nicht unbedingt ein Überangebot an Raum herrscht – so sind die systembedingten Regeln. Der Vergleich mit dem immer wieder gerne erwähnten Maßanzug trifft die Situation ziemlich präzise. Dafür kann man – das Reisegepäck einmal untergebracht – wunderschön offen an jegliche Ziele gelangen, denn der Kofferraum verkleinert sich bei geöffnetem Dach nicht. Stoffverdeck-Cabrios besitzen gegenüber den Metallmützen-Konkurrenten also keineswegs nur Vorteile optischer Natur, sondern manchmal auch mehr praktischen Nutzen. Und selbst in puncto Geräuschentwicklung ist der Italiener kein Schreckgespenst – auch hohe Tempi bei geschlossener Fahrt erlauben angeregte Unterhaltungen – gerne über den Spider selbst, denn er ist und bleibt eine Wahl für Automobilisten, die ihre Kaufentscheidung kaum nach der Distanz zum nächstgelegenen Händler treffen.
Aber der Preis kann freilich schon zum Argument avancieren – mit 31.950 Euro per Liste mutiert der luftige 200 PS-Alfa indes zur ernsten Mittelklasse-Bedrohung – all jene, die nämlich einen satten Tupfer Farbe in ihr bisher möglicherweise dröges Autofahrer-Leben bringen wollen, könnten sich für ihn entscheiden. Die Serienausstattung ist nicht von schlechten Eltern und bietet Antiblockiersystem, Front- und Seitenairbags (inklusive Luftsack für die Knie), elektrisch verstell- wie beheizbare Außenspiegel, Bordcomputer, elektrische Fensterheber, Klimaautomatik, Leichtmetallräder, Parksensor, Radio mit CD, elektrische Sitzlehnenverstellung, elektronisches Stabilitätsprogramm, Tempomat, vollautomatisches Verdeck sowie Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung. Vorkonfigurierte Exemplare – auf die man ja inzwischen angewiesen ist – enthalten nicht selten auch Lederpolster, ein Navigationssystem (je nach Ausführung mit großem TFT-Monitor), Regensensor, Soundsystem von Bose und Bi-Xenonlicht. Wer Wert auf automatisches Schalten legt, muss zum Commonrail oder Sechszylinder greifen, denn den Einstiegsbenziner gibt es ausschließlich mit manueller Box. Vermutlich wird allein die Farbwahl am Ende zu einer kleinen Suchaktion bei den Lagerfahrzeugen führen – an den stets reichlich vorhandenen Features sollte es wohl keinesfalls scheitern.
Fazit: Der Spider ist ein rassiger Alfa und ein tolles Auto zugleich, auch wenn über die Modellbezeichnung ein Streit entbrennen kann. Eigentlich schade, dass die Ära so früh endet – aber glücklicherweise ist der offene Italiener ja derzeit noch problemlos zu erwerben. Und wer jetzt ein schönes Exemplar ergattert, darf sich – nachdem er rund drei Jahre Freude mit seinem Objekt hatte – auf einen vermutlich würdigen Nachfolger freuen. Die Rede ist gar wieder von Heckantrieb. Es bleibt also spannend.