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Fahrberichte & Tests
 
Alfa Romeo 166 Front
Auch nach fünf Jahren noch elegant: Der 166
 
 

Italienisch für Fortgeschrittene

Die meisten Importeure können ein Lied davon singen: Autos jenseits der Mittelklasse, die weder Sterne, Ringe noch weiß-blaue Emblems tragen, müssen in Deutschland um jedes noch so winzige Stück Marktanteil kämpfen. Schade, wo auch andere Hersteller als die hierzulande traditionellen überaus attraktive Produkte anbieten - wie der Alfa Romeo 166 3,0 V6 24V zeigt.

Zugegeben, elegant und robust sind sie ja, die großen deutschen Limousinen - ob Sie nun Mercedes E-Klasse, Fünfer-BMW oder Audi A6 heißen. Aber mit dem trutzigen Gefühl, das ein bisschen an schwere Tresore oder Massivgold erinnert, schwingt stets eine bittere Note mit.
Durchdrungen vom Geiste des Biedermann nimmt der Mercedes-Fahrer wöchentlich seinen Sonntagsbraten zu sich, pflegt von Zeit zu Zeit seinen Vorgarten und arbeitet montags bis freitags von 8-16 Uhr im Büro - wenn er noch nicht im Ruhestand weilt. Glaubt man dem Klischee, gilt das für Audi und BMW ebenso.
Davon sind Alfa-Fahrer weit entfernt. Sie lieben die leichte südländische Lebensart, und in ihren Adern fließt warmes mit Temperament aufgeladenes Blut. Automobile Konventionalität sagt ihnen nicht zu, stattdessen wollen sie aus der Masse hervorstechen - mit der Eigenschaft, ein wenig exklusiver zu sein als andere und dem Anspruch auf einen besseren Geschmack.

Und jenes Maß an Stil scheint der 166er locker aus dem Ärmel zu schütteln. Er schmeichelt dem Auge mit charaktertypischer Keilform, markanten Linien sowie filigraner Front. Die Scheinwerfer sind vielleicht etwas klein geraten, dafür gefällt die große Limousine in der Gesamtansicht durch ihre dezente Sportlichkeit. Neben der hohen Gürtellinie sorgen die im Bereich der Flanken nach innen gewölbten Karosserie-Elemente für ein muskulöses Erscheinungsbild. Potent wirkende 17-Zoll-Leichtmetallräder (Distinctive serie, ansonsten 470 Euro Aufpreis) betonen diese Richtung.
Doch er kann mehr als nur schönsein - womit angemerkt sei, dass sich häufig gefällte Vorurteile gegenüber der italienischen Marke nicht bestätigen lassen. Diese ist offensichtlich sehr wohl in der Lage, auch praxisgerechte Fahrzeuge auf die Räder zu stellen.
Ergo kann speziell dem Interieur weniger Verspieltheit als Funktionalität nachgesagt werden. Schnörkellose und daher gut ablesbare Instrumente leiten diese Einschätzung ein, darüber hinaus präsentiert die Mittelkonsole eine klare Schalterlandschaft mit guten Bedieneigenschaften. Audio- und Klimaanlage lassen sich äußerst benutzerfreundlich über den Farbmonitor des sogenannten „Integratet Control System“ steuern. Gleiches gilt für das auf Wunsch lieferbare Navigationssystem (Distinctive ab Werk) - und auch hier funktioniert die Programmierung genau so intuitiv wie bei den restlichen Komponenten.
Erfreulich zudem, dass es recht nützliche Ablagemöglichkeiten gibt: Neben einem Fach oberhalb der mittleren Belüftungsdüsen beherbergt auch die Armlehne so manche Kleinigkeiten.

Alfa Romeo 166 Innenansicht
Sportiver Luxus innen
 
 

Und wie werden die Passagiere aufgenommen? Hinreichend groß dimensionierte Sessel in sportlich-straff gekleideten Bezügen dürfen das Prädikat sitzfreundlich tragen. Das bleibt sowohl bei längeren als auch kurvigen Strecken so. Seitenhalt nämlich ist den Alfa-Fauteuils kein Fremdwort.
Beim Thema Platzangebot gehen die Meinungen - stark abhängig von individueller Körperstatur - naturgemäß auseinander. Verschwenderisch geschnitten ist der Hundertsechsundsechzig nicht, das Raumgefühl erinnert an einen maßgefertigten Anzug - ohne jedoch übertrieben eng zu wirken. Insbesondere Menschen mit langem Oberkörper wünschten sich aber etwas mehr Kopffreiheit - hiermit wäre die Mängelliste jedoch schon abgearbeitet. Optisch steht der Innenraum selbstverständlich in keiner Weise hinter dem Exterieur zurück. Eine sportive Mischung aus Alu-Look und mit angerautem Kunststoff versehene Armaturen-Oberflächen weist den Mailänder auch innen als perfekten Dressman aus. Dabei kann die Verarbeitungsqualität erstaunlich gut mithalten. Sämtliche Materialien sehen nicht nur gut aus, sondern fühlen sich auch hochwertig an.
Zu guter Letzt noch ein Wort zum möglicherweise mitgeführten Gepäck: Der Kofferraum fasst 490 Liter - das ist nicht üppig, geht aber in Ordnung. Erfreulich dagegen fällt die Zuladung des 4,72 m langen Viertürers aus; sie beträgt 510 kg.

So weit, so gut, doch die wahren inneren Werte liegen für den echten Markenfan woanders: Unter der Haube. Obwohl selten sichtbar, ist der 2.959 ccm große Sechszylinder dennoch appetitlich hergerichtet. Hochglänzende Ansaugrohre in Präsentationspose lassen speziell Motorenbau-Gourmets das Wasser im Munde zusammenlaufen. Die Sinne gilt es auch bei der Akustik zu schärfen - denn hier kommt der 162 KW-Brocken nicht schlechter weg. Ein leichtes Leerlauf-Brabbeln kündet von der Tatsache, im richtigen Auto zu sitzen. Einmal in Fahrt, geht es aber kommod und auch leise zur Sache. Der Benziner entwickelt dank 265 Nm/5.000 Umdrehungen schon recht früh stattliche Zugkräfte, so dass das butterweich schaltbare Sechsganggetriebe nicht zu häufig bedient werden muss und man in den unteren Regionen der Maschinenumdrehungen verweilen kann. Bis zur Mitte der Drehorgel bleiben jegliche Lautäußerungen moderat, was dem Alfa passable Tourer-Qualitäten einheimst.
Wer das kernige Alfa-Naturell auskosten möchte, sollte höhere Drehzahlen hingegen nicht scheuen. Dann gibts neben einem eindrucksvollen Klangerlebnis auch satten Vortrieb zur Belohnung, dessen Auswirkungen bei etwas weniger griffigem Untergrund selbst Pneus in den Dimensionen 225/ 45 17 nicht vom Lenkrad fernhalten können - hier manifestieren sie sich in Form von spürbaren Antriebseinflüssen.
Zahlentechnisch bedeutet das 7,9 Sekunden bis 100 km/h und 241 Stundenkilometer als Maximalgeschwindigkeit. Werte, die bei einem Leistungsgewicht von 9,32 kg pro Kilowatt allerdings auch nicht überraschen.
Kurven nimmt das 1.510 kg schwere Vehikel recht locker. Es folgt dem Lenkeinschlag präzise, und wer es übertreibt, erntet ein konzept-typisches Untersteuern, das sich aber sicher beherrschen lässt. Für alle Fälle steht die Stabilitätskontrolle - hier VDC genannt - wachsamen Auges bereit.
Trotz sportlicher Einfärbung verbannt die Federung Strassenunebenheiten weitestgehend - allein hartnäckige Querfugen können die Vorderachse schonmal zum leichten Stuckern bringen.

Alfa Romeo 166 Front
 
Muskulöse Seitenlinie
 

Das interessanteste kommt so oft zum Schluss - in diesem Fall ist es der Preis. Kunden, die auf den Geschmack gekommen sind, müssen 41.500 Euro für den 166 3,0 Distinctive berappen. Allerdings zählt er alles zur Serienausstattung, was gut und teuer ist.
Dazu gehören beispielsweise vier Airbags, Antiblockiersystem, Außenspiegel elektrisch einstell-, heranklapp- und beheizbar, Bordcomputer, Diebstahl-Warnanlage, elektronisches Stabilitätsprogramm, elektrische Fensterheber rundrum, Innenspiegel automatisch abblendend, Klimaautomatik, Ledersitze, Leichtmetallräder, Navigationssystem, RDS-Radio mit Kassettenlaufwerk und CD-Wechsler, Regensensor, Scheinwerfer-Waschanlage, Sitzheizung, Telefon, Tempomat, Vordersitze elektrisch verstellbar inklusive Memory, Xenonlicht und Zentralverriegelung mit Funkfernbedienung.
Die wenigen Sonderausstattungen beschränken sich auf Metallic (710 Euro), elektrisches Schiebe-Hebe-Dach in Glas (880 Euro) oder Soundsystem (470 Euro).
Zum Mehrpreis von 1.800 Euro ist der Dreiliter auch mit vierstufiger Automatik zu haben.
Als kleines Defizit darf gewertet werden, dass der größte Alfa zur Zeit keine Kopfairbags bietet. Rettung ist jedoch in Sicht, denn schon Ende dieses Jahres steht ein intensives Facelift auf dem Plan, das den nötigen Fortschritt herbeiführen wird.
Wie ist es um den Durst des Flaggschiffs bestellt? Verbrauchswunder vollbringt der Italiener natürlich nicht: 9,1 l bis 18,3 l Superbenzin auf 100 km nennt das Werk. Ganz unrealistisch ist die Mindestangabe nicht - bei überwiegendem Autobahnbetrieb bestritten wie die Testdistanz mit runden zehn Litern. Damit wären die Hausaufgaben gut gelöst.

Fazit: Der Alfa Romeo 166 3,0 Distinctive ist eine angenehme, aber leider seltene Erscheinung. Schade, denn er hätte mehr verdient. Die große Reiselimousine bietet nämlich ein hohes Maß an Komfort, überzeugt durch solide Qualitätsanmutung und ist nicht zuletzt ein Leckerbissen fürs Auge. Obendrein besticht sie durch ein faires Preis-Leistungs-Verhältnis. Allein bei der Kundschaft scheint das noch nicht ganz angekommen zu sein - bleibt zu hoffen, dass die Zeiten sich ändern.


März 2003



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